Sessel – Geschichte des bequemen Sitzens

Der Sessel machte die Sesshaftwerdung der Menschen komfortabel

Schon früh entdeckte die Menschheit den erholsamen Aspekt des Sitzens. In Ermangelung ausreichender Ideen handelte es sich lange um eine Art Kauern. Erst die Königs- und Kaiserthrone kultivierten das aufrechte Sitzen. Aus ungepolsterten Herrschaftsstühlen entwickelten sich die ersten Sessel, da jeder Sitzende schnell den entlastenden Komfort weicherer Flächen erkannte.

Vom Stuhl zum Thron mit Polsterung

Auf dem langen Entwicklungsweg des Menschen wurde unseren Vorfahren früh klar, das eine Aufenthaltsform zwischen Stehen oder Laufen und Liegen Bequemlichkeit versprach. Unter den unglaublich vielen ersten Erfindungen der Chinesen wurde allerdings dem Stuhl als Wegbereiter der Entwicklung zum Sessel nicht viel Bedeutung beigemessen. So dauerte es bis zur römischen Hochkultur, die Sitzmöbel in ihr Leben integrierte, ohne jedoch auf echte und vollständige Polsterung und damit den Prototyp des Sessels zu kommen. Erst im späten europäischen Mittelalter fingen Handwerker an, ihre Polstereikenntnisse aus dem Kutschenbau und der Pferdesattelherstellung auf Sitzmöbel zu übertragen. Hohe Würdenträger gaben die ersten sesselähnlichen Thronsitze in Auftrag.

Der Einzug in Aristokratie und Bürgertum

Ein pulsierendes höfisches Leben an den vielen Herrschaftssitzen ließ immer mehr Mitglieder des Hofstaats auf die Idee kommen, gepolstert sitzen zu wollen. Erste Stühle erhielten gefederte und gepolsterte Sitzflächen. Bald wurden auch die Vorzüge von Armlehnen zunehmend geschätzt und beim Anlehnen festgestellt, dass eine zusätzlich gepolsterte Lehne den Komfort und die Bequemlichkeit erhöht. Da allerdings die höfische Ordnung und strenge Hierarchie dem jeweiligen Herrscher den komfortablen Thron exklusiv versprach, verzögerte sich die Perfektionierung, die zum Sessel moderner Machart führte. Es ist nicht auszuschließen, dass sich schon manches sehr sesselartige Sitzmöbel in Haushalten der Aristokratie versteckte, wieSessel aus dem Rokoko und Biedermeier beweisen. Erst durch das gehobene Bürgertum vor allem in den Zeiten der Industrialisierung führte den voll gepolsterten Sessel in Privathaushalte ein. Klassischstes Beispiel sind englische Ohrensessel, die sich vor allem Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts zu verbreiten begannen.

Von den goldenen Zwanzigern bis zum Gelsenkirchener Barock

Das gesellschaftliche Leben erlebte vor allem zwischen den Weltkriegen ungeahnte Ausmaße und als logische Folge entwickelten sich immer komfortablere Sitzmöbel. Die Gastronomie und Hotellerie hatten großen Anteil daran. Sie boten in ihren Salons, Gasträumen und Foyers zunehmend Sessel an, die stark der noch bis heute verbreiteten Form ähnelten. In den 1950er-Jahren blühte die Produktion von Gebrauchsgütern für jedermann in Europa und Amerika auf. Zu den populärsten Errungenschaften des deutschen Wirtschaftswunders zählten die klassischen Wohnzimmereinrichtungen mit Schrankwand, Sofa und Sessel. Da sogenannte Gelsenkirchener Barock war geboren und die Bedeutung des Sessels nahm mit der Verbreitung des Fernsehens ab den 1960er-Jahren noch einmal zu.

Designklassiker in Erscheinung und Funktion

Die prosperierende Wirtschafts- und Konsumkultur ließ auch die Entwicklung und Gestaltung von Sesseln nicht unberührt. Namhafte Designer experimentierten mit Materialien und Formen und schufen einmalige Sessel, deren Erscheinung und Funktion bis heute in leicht abgewandelten Formen beibehalten werden. Klassische Beispiele sind freischwingende Sessel, klappbare Fernsehsessel, französische Klubsessel, Ohrensessel und das Sesselei auf einen Drehfuß. Sie verließen in dieser Epoche zunehmend ihre „Nebenrolle“ als Einmannsofa am Couchtisch. Sie eroberten Räume als emanzipiertes Alleinsitzmöbel und prägten den Stil der Einrichtung. Typische Beispiele finden sich in Bibliotheken, Designerwohnungen und Empfangsbereichen im privaten und im öffentlichen Raum.

Moderne ergonomische Wunderwerke

Neben Bequemlichkeit und Erscheinungsbild entwickelten sich mit der fortschreitenden Lebens- und Arbeitswelt erweiterte Ansprüche an Sessel. In der Lebensführung der heutigen Zeit hat sich sie Sitzposition als die dominierende Haltung während der Arbeit und in der Freizeit durchgesetzt. Die stundenlangen Nutzungszeiten forderten Fabrikanten und Entwickler heraus, moderne Sessel immer besser ihrem spezifischen Zweck anzupassen und gesundheitliche Aspekte zu beachten. Beeindruckende Chef- und Bürosessel, automatische Massagesessel, Sesselsysteme in Sitzlandschaften und exklusive Einzelsessel als Schmuckstücke zeugen von der Vielfältigkeit des komfortablen Sitzens.


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